„Das ist meine Heimat“

 

Nach vielen Jahren kehrt mein Vater, Jenö Horvat, in die Dörfer des slowenischen Raabgebiets zurück und erinnert sich an seine Jugendtage. Joel Gerber und ich begleiteten ihn auf dieser Reise in die Vergangenheit.

 

Ein Bericht von Tibor Horvat,  18.08.2006

 

Wir beginnen unsere kleine Rundreise in Monošter, von wo aus wir in Richtung Andovci fahren. Unser Weg führt über den Zsida-Hegy, eine kleine Erhöhung südlich von Monošter. Auf dieser Strecke liegt auch Števanovci, der Geburtsort von Jenö Horvat. Kaum in diesem Dorf angekommen, macht er auch gleich eine Bemerkung: „Das ist meine Heimat...“. Hier legen wir eine kurze Pause ein, um ihm das grosse Steindenkmal, welches der im Ersten und Zweiten Weltkrieg gefallenen Einwohnern von Števanovci gedenkt, zu zeigen.* Auf diesem Gedenkstein ist auch Jožef Bedi, Jenö Horvats Grossvater, verewigt. Jožef Bedi war 1915 in Wien gefallen. Das steht auch auf dem Grabstein Jožef Bedis, welcher sich auf dem Friedhof in Števanovci befindet. Die Inschrift ist in „windischer“ Sprache (Porabščina) verfasst worden und eine Fotografie von Jožef Bedi zeigt diesen in der Soldatenuniform der damaligen Donaumonarchie (Österreich-Ungarn).

 

Wir setzen uns wieder in den Wagen und fahren weiter nach Andovci. Kurz bevor wir Števanovci verlassen, zeigt Jenö Horvat auf ein allein im Wald stehendes Haus. In diesem Haus („Šporani“), erzählt er uns, sei sein Vater Jožef Horvat geboren worden und aufgewachsen. In Andvoci angekommen meint er, dass das damalige Andovci, welches er noch als Kind bzw. Jugendlicher gekannt hatte, einen viel gepflegteren Eindruck gemacht habe als heute. Jeder Bauer habe seine eigenen Felder und Wälder gehegt und gepflegt gehabt und so sei auch jeder Quadratmeter des Landes bearbeitet worden. Das heutige Andovci sei jetzt allerdings sehr stark von Büschen und hohem Gras geprägt. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass viele Einwohner in die Städte gezogen sind, weil ihnen die Einkommensquelle Landwirtschaft nicht mehr lukrativ genug erschien. Ferner hatten im Zuge der Verstaatlichungen im agrarischen Sektor nach dem Zweiten Weltkrieg die Bauern Jahrzehnte lang kaum Einfluss auf ihre ehemaligen Felder und Wälder.

 

In Andovci stellen wir das Auto auf einem Waldweg ab und gehen zu Fuss weiter in Richtung slowenischer Grenze. Mein Vater erzählt, dass es noch in seiner Jugendzeit anfangs der 1950er Jahre fast wöchentlich Meldungen über erschossene ungarische oder jugoslawische Grenzsoldaten gegeben hat. Zu Beginn der 1950er Jahre waren Tito-Jugoslawien und das stalinistische Ungarn stark zerstritten und diese Grenze war daher oftmals Schauplatz gegenseitiger Provokationen. Eine rostige, in den Farben der ungarischen Trikolore rot-weiss-grün gehaltene Grenzbarriere markiert die ungarische Grenze zum Nachbarland Slowenien. Interessiert schauen wir nach Slowenien hinüber und erblicken einen asphaltierten Weg. Vor einigen Jahren plante man hier bei Andovci einen Grenzübergang zu errichten, jedoch erteilte Ungarn die Bewilligung zu diesem Bau nicht. Ein gut sichtbarer Strich erinnert noch heute an die damaligen Baupläne Sloweniens.

 

Die nächste Etappe unserer Reise führt uns nach Verica-Ritkarovci/Kétvölgy. Um von Andovci nach Kétvölgy zu gelangen müssen wir erneut durch Števanovci fahren. Als wir das Gemeindehaus von Števanovci passieren, erinnert sich mein Vater, dass damals gleich dort in der Nähe der Glöckner des Dorfes in einem kleinen Häuschen wohnte. Dieser Glöckner war blind und war daher gezwungen, jedes Mal die ca. 200 m lange Strecke zur Kirche zu ertasten, um die Kirchenglocken läuten zu können.

 

In etwa zehn Minuten erreichen wir Kétvölgy. Mein Vater sagt korrekterweise, dass er Kétvölgy als eine aus zwei Dörfern bestehende Siedlung in Erinnerung, Permise und Ritkaháza, gehabt habe. Von Permise aus fahren wir durch eine enge und kurvige Strasse nach Ritkaháza. In Ritkaháza angekommen, meint mein Vater, dass sich hier in den letzten fünfzig Jahren nicht besonders viel verändert habe. Das Dorfbild werde seinem Namen gerecht, denn „ritka“ bedeute ja „spärlich/selten“ und die Häuser in diesem Dorf seinen wirklich spärlich, nur vereinzelt anzutreffen.

 

Da die Strasse von Ritkaháza nicht mehr weiter führt, machen wir kehrt und fahren zurück nach Permise. In Permise erblickt mein Vater ein Feld, auf welchem kleine Häufchen aus Kuh- und Pferdemist platziert worden waren. Er erinnert sich, dass seine Eltern früher eine ähnliche Düngetechnik angewandt hatten. Unser nächstes Ziel ist Gornji Senik/Felsõszölnök. Weil aber keine direkte Strasse von Permise bzw. Kétvölgy nach Felsõszölnök führt und der Weg über Monošter fast vierzig Kilometer lang ist, entscheiden wir uns die Route über Slowenien nach Felsõszölnök zu nehmen.

 

Einige Jahre nach der politischen Wende 1989/90 wurde ein Grenzübergang von Kétvölgy in das benachbarte Čepinci gebaut. Von Čepinci aus fahren wir über die hügelige Landschaft des Murgebiets (Prekmurje/Pomurje) nach Martinje, welches ein Nachbardorf von Felsõszölnök ist. Während der Fahrt durch das malerische nördliche Murgebiet bemerkt mein Vater, dass hier die Bewohner viel mehr von der Landwirtschaft lebten als im slowenischen Raabgebiet. Die Felder seien bebaut und die Wiesen gemäht. Eine Erklärung dafür ist in der Tatsache zu suchen, dass die Verstaatlichungen im landwirtschaftlichen Bereich im Jugoslawien Titos nicht die Ausmasse angenommen hatten wie im kommunistischen Ungarn. Ausserdem sind im Murgebiet die Entfernungen zwischen den Dörfern und Städten mit attraktiven Beschäftigungsmöglichkeiten grösser als in Porabje (z. B. MonošterŠtevanovci). Und ferner war es den Bewohnern des Murgebiets erlaubt als Gastarbeiter ins Ausland zu gehen, was den Einwohnern des Raabgebiets in Ungarn nicht gestattet war.

 

In Gornji Senik/Felsõszölnök angekommen genehmigen wir uns eine kleine Erfrischung in einem Gartenrestaurant (Gostilna). Just in diesem Moment endet ein Gottesdienst und zahlreiche Kirchgänger, darunter viele Frauen in schwarzer Kleidung, verlassen die Kirche. Gespannt verfolgt mein Vater die Unterhaltung der Dorfbewohner in slowenischem Dialekt (Porabščina). „Es ist ein schönes Gefühl, wieder mal meine Muttersprache zu hören...“, meint mein Vater begeistert. Im Ausland hat er kaum Gelegenheit, Porabščina zu sprechen und zu hören und wenn er seine Geschwister in Števanovci besuchen geht, dann wird des Öfteren ungarisch gesprochen, weil seine Neffen und Nichten Porabščina leider kaum noch perfekt beherrschen.

 

Erfrischt fahren wir weiter in Richtung Alsószölnök. „Felsõszölnök und Dolnji Senik/Alsószölnök habe ich als Jugendlicher nicht so oft besucht“, sagt mein Vater. Weil diese beiden Orte sehr weit von Števanovci entfernt liegen, musste der lange und strapaziöse Weg durch den Wald begangen werden. Andovci und Kétvölgy sind die Siedlungen, die mein Vater nebst Števanovci am besten kennt. Diese beiden Ortschaften sind am wenigsten weit von Števanovci entfernt und da Orfalu und Kétvölgy über keine eigenen Kirchen und Schulen verfügen, ging man in Števanovci zur Schule und zum Gottesdienst. „Deshalb kannte ich hauptsächlich Menschen aus Andovci und Verica-Ritkarovci / Kétvölgy“, erzählt uns mein Vater.

 

Sakalovci/Szakonyfalu ist das nächste Dorf, welches wir meinem Vater kurz zeigen. Dieses Dorf ist ihm besser bekannt, weil er als Jugendlicher einige Male von Števanovci aus zu Ballanlässen mit Freunden durch den Wald marschiert war. Im Gegensatz zu Gornji Senik / Felsõszölnök und Dolnji Senik/Alsoszölnök liegt Sakalovci/Szakonyfalu etwas näher bei Števanovci. „Ich erinnere mich noch gut daran, dass wenn in Števanovci Bälle stattfanden, oft eine Zigeunergruppe aus Sakalovci Musik machte“, erzählt uns mein Vater mit einer Stimme, die ausdrückt, als wolle er die guten alten Zeiten nochmals erleben. Auf unsere Frage, ob diese Zigeunergruppe nur ungarisch gesprochen habe, antwortet er, dass sie Porabščina sprachen wie die Slowenen aus dem Raabgebiet.

 

Die letzte Etappe unserer kleinen Reise durch das slowenische Raabgebiet ist Slovenska Ves/Rábatotfalu. Mein Vater macht beim Anblick des Ortsschildes von Rábatótfalu einen etwas erstaunten Eindruck. Denn es steht auch „Monošter“ geschrieben, und er meint dazu: „Wie sind ja noch nicht in Monošter angekommen?“ Wir erläutern ihm, dass das slowenisch sprechende Dorf Rábatótfalu vor Jahren an die benachbarte Stadt Monošter geschlossen worden war und dass deshalb schon bei der Einfahrt in RábatótfaluMonošter“ angeschrieben ist. Als wir beim Dorfrestaurant von Rábatótfalu vorbeifahren, muss mein Vater schmunzeln. Ihm ist gerade in den Sinn gekommen, dass er einmal als Sechzehnjähriger mit seinen Freunden nach Rábatótfalu marschierte und in eben diesem Dorflokal sich ein Glas Soda einfüllen wollte, dabei jedoch wegen des grossen Druckes der Sodaflasche den Wirt mitten ins Gesicht spritzte.

 

Mein Vater war sehr glücklich, die Dörfer des slowenischen Raabgebiets, welche er zum Teil seit fünfzig Jahren nicht mehr gesehen hatte, zu besuchen. „Vieles hat sich verändert, neue Häuser sind gebaut worden, die Strassen sind geteert, aber die Kirche und die Dorfrestaurants befinden sich in jedem Dorf noch an der selben Stelle wie vor fünfzig Jahren und die Einwohner kehren noch heute nach jedem Gottesdienst in diesen Lokalen ein, um einen kleinen Apéritif zu geniessen.“

 

 

                Bilder                                                                                Tibor Horvat

 

 

* Auf dem Gedenkstein steht „Ùjbalázsfalu“ geschrieben. Das kommt daher, weil ein Teil von Števanovci früher eine autonome Gemeinde mit dem Namen Ujbalászfalu (Otkovci) war, welche jedoch dann später zu Števanovci geschlossen wurde.